Jeder hat einen eigenen, individuellen Lernstil

“Wir lernen besser, wenn der Unterricht auf unseren bevorzugten Lernstil zugeschnitten ist”. Stimmt, oder? Nicht wirklich. Dieser Mythos wird nicht nur in populären Büchern, sondern auch durch Selbsttests im Internet, durch kommerzielle Unternehmen und in der Lehrerausbildung verbreitet. Eine kürzlich durchgeführte internationale Umfrage unter Lehrern ergab, dass 96 Prozent an die Idee bevorzugter Lernstile glauben.
Aber woher kommt das?
Eltern denken verständlicherweise gerne, dass ihre Kinder eine maßgeschneiderte Ausbildung erhalten. Ebenso denken Lehrer gerne, dass sie für die Bedürfnisse jedes Kindes sensibel sind. Viele unter ihnen sind eindeutig motiviert, dieses Ideal zu erfüllen. Außerdem suche ich als Schüler nicht gerne Lernprobleme bei mir selbst. Es ist tröstlicher zu denken, dass eine Klasse schwierig war, weil ich den Unterrichtsstil nicht mochte. Ich sehe nicht gerne ein, dass ich mich nicht genug konzentrierte oder nicht motiviert genug bin.
Wie könnte man die Existenz von Lernstilen zeigen?
Überzeugende Beweise für Lernstile würden zeigen, dass eine Gruppe von Menschen mit zufällig ausgewählten Lernstilen schlechter gelernt hat als eine andere Gruppe, die auf ihre bevorzugte Art und Weise unterrichtet wurden. Doch überraschenderweise haben nur wenige Studien diese Belege für solche Lernstile zeigen können. Weitaus mehr Hinweise (wie diese Studie) laufen dem Mythos zuwider. Was bei den Studien oft passiert, ist, dass beide Lerngruppen besser abschneiden, wenn sie von einem bestimmten Stil unterrichtet werden. Dies ist sinnvoll: Obwohl jeder von uns einzigartig ist, basiert die effektivste Art zu lernen für uns in der Regel nicht auf unseren individuellen Vorlieben, sondern auf der Art des Materials, das uns vermittelt wird. Versuchen Sie sich einfach vorzustellen, die spanische Grammatik bildlich zu lernen oder die Geometrie rein verbal.
Alle Individualität im Unterricht für die Katz?
So schlimm ist es nicht. Wir können zwar oft nicht beurteilen, welche Unterrichtsmethoden für uns am effektivsten sind und es gibt wenig Belege für die Vorteile einer Anpassung des Unterrichtsstils an den bevorzugten Lernstil. Trotzdem gibt es Spielraum für Anpassung des Unterrichtsstils zru Erhöhung des Lernerfolges. Zum Beispiel gibt es Hinweise darauf, dass Anfänger besser lernen, wenn sie Beispiele studieren, während diejenigen mit mehr Fachwissen besser lernen, indem sie Probleme selbst lösen. Andere Forschungen zeigen, wie das Lernen (für die meisten Menschen) durch die Kombination verschiedener Aktivitäten verbessert wird – wie z.B. das Zeichnen neben dem passiven Lernen.
Aber es schadet doch nicht?
Doch. Führende Experten sind der Meinung, dass der Mythos der bevorzugten Lernstile nicht nur ein gutartiges Missverständnis ist, sondern wahrscheinlich auch Schaden anrichtet. Der Lernstil-Ansatz ermutigt Lehrer, die intellektuellen Stärken der Schüler und nicht ihre Schwächen zu lehren. Allerdings ist es wichtig, dass die Schüler lernen ihre Schwächen zu erkennen und auszugleichen – nicht, sie vermeiden. Außerdem: Die meisten Lernstilfragebögen und Trainingsprogramme sind teuer. Und diese Kosten könnte man sich wirklich sparen. Unterrichtsvorbereitung und Auswählen der Lernstile sollte hauptsächlich anhand des zu lehrenden Materials geschene und nicht anhand der Personen.