Wir nutzen nur 10% unseres Gehirns
Benutzen wir tatsächlich nur 10% unseres Gehirns? Der Mythos besagt, dass Menschen die Fähigkeiten ihres Gehirns nicht wirklich ausschöpfen und nur zehn Prozent von allem, was theoretisch möglich wäre, auch benutzt wird. In Filmen wie Lucy oder Limitless hat dieser Mythos viel Aufmerksamkeit in den Medien erhalten. Die Protagonisten gewinnen hier plötzlich übernatürliche Fähigkeiten, wenn sie, z.B. nach Einnahme einer Pille, nun 100% ihres Gehirns nutzen können. So ein Brain-Boost ist allerdings nicht möglich. Der 10%-Mythos ist falsch.
Woher der 10%-Mythos kommt
Der Mythos selbst hat keinen einzelnen, leicht nachvollziehbaren Ursprung, aber es gibt ihn im Prinzip schon seit wir uns auf neurowissenschaftlicher Ebene mit dem Gehirn befassen. In seinem Weltbestseller How to Win Friends and Influence People (Wie man Freunde gewinnt. Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden) bezog sich Daniel Carnegie bereits im Jahr 1937 darauf, dass wir nur 10% unserer “latenten mentalen Kapazität” benutzen. Vermutlich entstand der Mythos durch eine Fehlinterpretation der frühen neurowissenschaftlichen Forschung, als entdeckt wurde, dass man den verschiedenen Regionen im Gehirn mehr oder weniger verschiedenen Funktionen zuschreiben kann. Die Interpretation wurde möglicherweise in der Übermittlung verzerrt und die Popularität wurde hielt sich. Das liegt vielleicht an dem Wunsch vieler Menschen, auf irgendeine Art und Weise doch noch die “restlichen 90%” freizuschalten.
Wie Forscher in unsere Gehirne schauen
Wenn Forscher das Gehirn untersuchen, können sie mithilfe der sogenannten Magnetresonanztomografie sehen, welcher Bereich des Gehirns gerade “arbeitet”. Dies wird allerdings erst durch den Vergleich mit einer Ruhebedingung (z.B. mit geschlossenen Augen liegen) möglich – da wir nur Unterschiede in Gehirnaktivität messen können, nicht absolute Aktivität. Wir sind also nicht in der Lage festzustellen, ob Julias Gehirn prinzipiell mehr arbeitet als Tims Gehirn. Und genausowenig sind wir in der Lage zu zeigen, wieviel Prozent des Gehirns insgesamt genutzt wird. In einer Folge der bekannten amerikansichen Sendung Mythbusters wurde zwar anschaulich gezeigt, dass wir bereits bei einer einzelnen Aufgabe – im Vergleich zur Ruhe – höhere Aktivität in 35% des Gehirns messen können, allerdings nutzen sie leider auch hier die neurophysiologischen Methoden grundlegend falsch und interpretieren diese sensationell. Sie erwecken in der Sendung den Eindruck, als wären die anderen 65% des Gehirns nicht aktiv. Das ist Unsinn. Gehirnzellen sterben ab, wenn sie nur wenige Minuten ohne Sauerstoffversorgung sind. Dies bedeutet also, dass alle Gehirnzellen zu jeder Zeit mit Sauerstoff versorgt werden müssen. Und das auch nicht ohne Grund: Sie verbrauchen diesen natürlich auch! Wir können mit Sicherheit sagen, dass 100% der Gehirnmasse auch aktiv benutzt werden – aber bei bestimmten Aufgaben arbeiten manche Regionen eben mehr als andere.
10% Gehirn in 200.000 Jahren Evolution?
Außerdem: Unsere Gehirne sind durch Hunderte von Jahren der Evolution geformt worden und könnten als die wichtigsten Teile unseres Körpers angesehen werden, da sie die Aktivität des gesamten menschlichen Organismus regulieren. Ein Gehirn zu haben, das nur zu 10% funktioniert, wäre evolutionsbiologisch unsinnig. Wir haben einfach keinen Super-Modus, in den wir langfristig umschalten könnten (kurzfristig ist eine enorme Leistungssteigerung sicherlich möglich). Abgesehen davon ist das Gehirn, gemessen an seiner Größe, das mit Abstand energiehungrisgte Organ. Es verbraucht 20% des Sauerstoffs, hat aber nur 2% der Masse unseres Körpers.
Wie es um den Mythos steht
Im Rahmen dieses Beitrags habe ich eine Umfrage gestartet:
Wenn man das in der Frage (und der früheren Literatur) schwammige “brain capacity” (dt: Gehirnkapazität) als Masse des Gehirns interpretiert, liegen die meisten tatsächlich korrekt. Der 10%-Mythos ist zwar nach wie vor ziemlich populär, wahrscheinlich aber auch, da es so deutlich leichter ist, Gehirntraining-Apps zu vermarkten oder Hirnpillen zu verkaufen, die die Gedächtnisleistung stärken. Das funktioniert allerdings beides nicht, deswegen müssen sich die Hersteller mit der Verbreitung von 10%-Mythen weiterhelfen.
“Wir sind also nicht in der Lage festzustellen, ob Julias Gehirn prinzipiell mehr arbeitet als Tims Gehirn.”
Ist aber anzunehmen! 🙂
Freilich!