93% unserer Kommunikation ist nonverbal
FALSCH. Heutzutage erreicht man in jedem Kommunikationstraining irgendwann den Punkt, an dem die Trainer verkünden: “93% der Kommunikation ist nicht verbal”. Stolz schauen sie dann in die Gesichter der verblüfften Teilnehmer. (Eigentlich merkwürdig, denn mittlerweile müsste es doch jeder schon einmal gehört haben.) Es sei also nicht wichtig, was man sagt, sondern wie man es sagt. „Nur 7% macht die eigentliche Aussage aus“, erklären die Trainer begeistert. Weit wichtiger sei die Stimme (38%), also in welcher Lautstärke, Tonhöhe und in welchem Tempo man spricht. Am wichtigsten allerdings seien Mimik und Gestik (55%), einschließlich Körperhaltung und Kleidung. Interessiert saugen die Seminarteilnehmer alles auf und sehen sich im Geiste schon das neu erworbene Wissen am nächsten Stammtisch rezitieren. Es ist ja auch praktisch, dass die komplexeste uns bekannte Art zu kommunizieren auf drei so einfache Zahlen heruntergebrochen werden kann. Doch kann diese Aufteilung überhaupt Sinn ergeben? Stellen Sie sich einmal vor Sie unterhalten sich mit einer Freundin und diese geht während der Unterhaltung in den Nebenraum. Sie können sie also nicht mehr sehen, aber immer noch klar verstehen. Laut obiger 7-38-55 Formel müssten Ihnen nun aber 55%, also mehr als die Hälfte, der Informationen im Vergleich zu vorher fehlen. Klingt das plausibel? Wohl kaum.
Tatsächlich geht die 7-38-55 Aufteilung der Kommunikation auf eine einzige Studie von Albert Mehrabian und Susan Ferris aus dem Jahr 1967 zurück. Die Versuchsteilnehmer hörten das neutrale Wort maybe (dt.: vielleicht), welches je mehrmals mit positivem Ausdruck (z.B. freudig), negativem Ausdruck (z.B. gelangweilt) oder neutral ausgesprochen wurde. Gleichzeitig wurden ihnen Gesichter mit unterschiedlicher Mimik gezeigt. Diese Vorgehensweise wurde mit positiven und negativen Wörtern anstelle des neutralen maybe wiederholt. Nach jedem Wort sollten die Versuchsteilnehmer ihren Gesamteindruck bewerten. Das Ergebnis: die Bewertungen hingen zu 7% von dem gesprochenen Wort ab, zu 38% von dem stimmlichen Ausdruck und zu 55% von der Mimik.
Das Wort an sich hatte also nur einen sehr geringen Einfluss auf die Bewertung. Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich, da es sich jeweils nur um ein einziges Wort gehandelt hatte und damit wenig tatsächliche Informationen hatte. Hätten die Autoren nicht einzelne, zusammenhangslose Wörter untersucht, sondern zum Beispiel Anweisungen, wie “Strecke den rechten Arm aus.”, dann wäre das Ergebnis möglicherweise zugunsten der Aussagen ausgefallen. Das war den Autoren aber auch bewusst. Albert Mehrabian fühlt sich hier weitesgehend missverstanden und fehlinterpretiert, wie er in einer Unterhaltung mit David Lapakko in 1997 selbst sagte. Die Behauptung, eine Anweisung wie die obige enthielte nur 7% an Informationen an eigentlicher Aussage, sei also völlig absurd. Die Autoren waren auch gar nicht so sehr an den Aussagen an sich interessiert. Vielmehr wollten sie untersuchen, welche Wichtigkeit der stimmliche Ausdruck im Vergleich zur Mimik hat. Und auch hier sagen sie, dass es stark auf den Kontext ankommt und ihre Ergebnisse auf keinen Fall auf die zwischenmenschliche Kommunikation als Ganzes übertragen werden können.
Die von den Autoren der Studie so nicht beabsichtigte Verallgemeinerung der 7-38-55 Regel wurde, wie wir nun wissen, trotzdem gemacht und wird mittlerweile oft einfach als allgemeingültige Wahrheit verkauft. Im Jahr 2007 untersuchte Lapakko die Verbreitung des Mythos in einer Analyse von Suchmaschinen im Internet. Dafür suchte er nach Webseiten, die die 7-38-55 Regel anpriesen. Dabei fand er heraus, dass nur ein Fünftel der 79 Webseiten sich auf die richtige Quelle (Albert Mehrabian) bezogen. Die anderen bezogen sich auf diffuse Quellen (z.B. “eine Studie besagt” oder „Forscher haben herausgefunden“) oder gaben gleich gar keine an. Ohne große Überraschung schloss seine Untersuchung, dass praktisch alle Webseiten ein falsches Verständnis von Mehrabians ursprünglicher Forschung hatten. Und das, obwohl die originale Forschung dank des Internets für jedermann frei zugänglich ist. Wirklich zu helfen, scheint das bis heute nicht: die Autoren des Praxishandbuch berufliche Schlüsselkompetenzen bauten die 7-38-55 Formel nämlich erst kürzlich (2018) wieder vollkommen unreflektiert, aber dafür mit einer schönen Grafik aufbereitet, in gleich zwei unterschiedliche Kapitel ein. Und auch wenn Mehrabian selbst versucht, diesen Mythos aus der Welt zu schaffen (z.B. BBC Radio 4, Sendung „More Or Less“ vom 14. August 2009, ab Minute 23), wird er sich wohl noch eine Weile halten.
Quellen
Ebert, Helmut; Becker, Joachim H. (2018) Formen der Kommunikation. In: Praxishandbuch berufliche Schlüsselkompetenzen. Springer, Berlin, Heidelberg
Lapakko, David. (2007) “Communication is 93% nonverbal: An urban legend proliferates.” Communication and Theater Association of Minnesota Journal 34.1 (2007): 2.
Mehrabian, Albert, and Susan R. Ferris. (1967) “Inference of attitudes from nonverbal communication in two channels.” Journal of consulting psychology 31.3 (1967): 248.
Pastoors, Sven (2018) Präsentieren und Visualisieren. In: Praxishandbuch berufliche Schlüsselkompetenzen. Springer, Berlin, Heidelberg
Sehr spannend und da drängt sich natürlich die Frage auf, ob es hinsichtlich einer Verteilung von verbaler und nonverbaler Kommunikation respektive der Bedeutsamkeit für eine gelingende Kommunikation inzwischen Studien gibt, die ein übertragbareres Untersuchungsdesign aufweisen und dadurch nicht nur die Tatsache, dass es ein Mythos ist, aufzeigt, sondern auch eine “neue” Antwort auf die Frage einer generalisierbare Verteilung der Kommunikationsaspekte gibt!?